Zeiten in Corona

Porträt von Christine Appenzeller

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Das Virus hat uns nicht ganz verschont, aber wir sind zumindest gesundheitlich bis jetzt einigermassen gut durch die Krise gekommen. Von den 135 Angestellten sind bisher 13 Personen infiziert worden, diese haben sich zuhause gepflegt und sind inzwischen alle wieder gesund. Wir verfügen jetzt über eine organisationseigene COVID-Kommission, welche aus Vertretern aller Programme und Projekte zusammengesetzt ist und von unserer Krankenschwester der Schule geleitet wird. Diese begleitet und berät per Telefon und Whatsapp die vom Virus betroffenen Mitarbeitenden.Sehr viel stärker betroffen sind die Familien unserer Schülerinnen und Schüler, vor allem wirtschaftlich. 34% der Familien haben ihre Arbeit (vor allem im Tourismus-Bereich) verloren, und 10% haben während der 7½ – monatigen Quarantäne Lohnkürzungen erlitten oder wurden suspendiert.

Geschlossene Einrichtungen

Alle Bildungseinrichtungen in ganz Peru bleiben bis zum 31. Dezember 2020 geschlossen. Im Januar und Februar 2021 sind dann die üblichen Schulferien, so dass ein normaler Schulalltag mit Präsenzunterricht frühestens ab März 2021 wieder möglich sein könnte. Allerdings ist bis heute völlig offen, in welcher Form der Unterricht und unter welchen Rahmenbedingungen das neue Schuljahr starten wird. Zu den geschlossenen Einrichtungen gehören bei Pukllasunchis nicht nur die Schulen (Tikapata und Pädagogische Hochschule), sondern auch alle anderen Projekte wie Sipas Wayna, Radio und Kinderorchester. Das ist vor allem für diejenigen Tätigkeiten schwierig, die ganz besonders auf den persönlichen Kontakt angewiesen sind, wie z.B. die Arbeit mit Kindern mit besonderem Förderbedarf und der Musikunterricht.  Die einzigen in der ganzen Pukllafamilie, die weiterhin arbeiten können, sind die Wächter und das Kawsay-Team. Sie nehmen weiterhin ihre Aufgaben am Eingang der Puklla-Einrichtungen und im Schulgarten wahr.

Virtueller Unterricht

Der Präsenzunterricht ist, für den Moment zumindest, Vergangenheit, seit bald 8 Monaten gilt es, virtuell zu unterrichten. Die Anfänge waren schwierig und sehr arbeitsintensiv, aber in der Zwischenzeit hat sich alles ziemlich gut eingespielt. Die Lehrpersonen verfügen mittlerweile über die nötigen technologischen Fähigkeiten, und die grosse Mehrheit der Schülerinnen und Schüler nimmt am virtuellen Unterricht teil. Auch die meisten Eltern haben sich mit der neuen Unterrichtsform und der damit verbundenen Technologie angefreundet und befürchten nicht mehr, dass ihre Kinder deswegen schulisch ins Hintertreffen geraten könnten.
Probleme gibt es aber weiterhin. So ist die Ausrüstung mit adäquaten IT-Geräten noch nicht optimal. Aber dank den Spenden aus der Schweiz, konnten sowohl für die Studierenden der Pädagogischen Hochschule als auch für die Schülerinnen und Schüler der Modellschule gegen 100 Tablets kaufen. Wir haben auch ein Budget, um Laptops für die Lehrpersonen anzuschaffen, doch leider ist unser gewünschtes Modell noch nicht auf Lager. Das zweite Problem betrifft die Internetverbindung auf dem Lande. In den abgelegenen Regionen müssen die Studierenden oft auf die nächste eine Anhöhe steigen, um eine Verbindung zu erhalten. Für diese Studierenden erarbeiten wir ein Wochenprogramm, das sie jeweils am Freitag per Whatsapp erhalten und herunterladen können. Gleichzeitig senden sie ihre Studienarbeiten, die sie die vorhergehende Woche erarbeitet haben, an die Schule zurück. Für Studierende, welche in Zonen wohnen, wo es definitiv kein Internet gibt, schicken wir wöchentlich ausgedruckte Aufgaben. Für die pubertierenden Jugendlichen ist die Quarantäne und das lange Ausgangsverbot unheimlich schwierig. Deshalb bietet das Team von Sipas Wayna die Workshops und Freizeitbeschäftigungen virtuell an, und dieses Angebot findet bei den jungen Leuten ein grosses Interesse.

Weiterbildung

Die Projekte von Pukllasunchis nutzen das virtuelle Medium für spezifische Weiterbildungsangebote; hier einige Beispiele:

  • Zum Studium an der EESP gehören neu wöchentliche Konferenzen mit nationalen und internationalen Fachpersonen auf den Gebieten Pädagogik, Interkulturalität, Ökologie und Klimawandel, Gesundheit und Covid-19. Diese virtuellen Konferenzen sind über Facebook auch für ein allgemeines Publikum zugänglich. Zudem werden Zusammenfassungen der Konferenzen über drei regionale Radiosender von Cusco ausgestrahlt und haben sehr viele Zuhörer.
  • Für Lehrpersonen der staatlichen Schulen gibt es einen Onlinekurs zur Schulinklusion. Auch hier gehören Interviews mit Fachpersonen aus ganz Peru zum Programm. Dabei bemüht sich das Inklusionsteam, möglichst viel praktische Anschauung zu liefern. Denn natürlich fehlt bei einem virtuellen Weiterbildungsangebot die Umsetzung in die Praxis.
  • Das Radioteam hat mit den Bildungsdirektionen zweier Provinzen von Puno einen Kurs zum Thema «Radio im virtuellen Unterricht» für 500 Lehrpersonen organisiert und sehr erfolgreich durchgeführt.

Kreative Lösungen

Die ausserordentliche Situation verlangt von den Puklla-Teams viel Kreativität und Unternehmensgeist.

  • Die Lehrpersonen der Modellschule produzieren für den Unterricht fantastische pädagogische Materialien in ganz neuer Form von Audios, Videos, Texte, etc. All dieses Material wird systematisch aufbereitet und katalogisiert, so dass es später auch für den «normalen» Lehrbetrieb genutzt werden kann.
  • Auf dem Land haben rund 50% der Kinder noch immer keinen Internetanschluss und können daher nicht am virtuellen Unterricht des Bildungsministeriums teilnehmen. Um der drohenden Verschärfung des Bildungsgefälles zwischen Stadt und Land etwas entgegenzuwirken, macht es das Radioteam zusammen mit den Lehrpersonen der Landschulen möglich, dass die Kinder ihre Videos und Audios über ihren Alltag per Whatsapp an Pukllasunchis schicken können. Mit diesen Rohmaterialien produziert das Team dann Radioprogramme, die von Montag bis Freitag über verschiedene Sender ausgestrahlt werden und die abgelegensten Gebiete erreichen. Die Sendungen «Sisichakunaq Pukllaynin» werden sogar auch über Facebook «Radio a la Carta» verbreitet und sie werden dadurch im ganzen Land und über die Grenzen von Peru hinaus gehört und geschätzt.
  • Die Quarantäne schränkt das Programm für die berufliche Eingliederung von Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf besonders stark eingeschränkt. Doch die beiden Verantwortlichen begleiten ihre Schützlinge weiterhin bei ihren Aktivitäten zuhause in ihren Familien und unterstützen auch die Eltern bei der Umsetzung von eigenen Initiativen. So finden einmal in der Woche virtuelle Treffen der ganzen Gruppe, also Jugendliche und Eltern, statt; da wird virtuell gekocht, getanzt, gesungen und vieles mehr. Und einmal im Monat tauschen sich die Eltern per Zoom aus und helfen sich gegenseitig; so ist eine eigentliche Selbsthilfegruppe entstanden.

Wie Sie sehen, versuchen wir, uns mit der Pandemie zu arrangieren. Aber Corona ist und bleibt eine Katastrophe! Trotzdem, und ohne in billigem Optimismus zu verfallen – wir lassen uns nicht unterkriegen und tun alles, um das Beste daraus zu machen.

Mit ganz herzlichen Grüssen
Christine Appenzeller

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Schulen für Cusco
1115-004.359 715
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